Wall 2.0

Originally published in The European, 2011-08-13.

Translated German

INTERNETZENSUR
Mauer 2.0

Die „Great Firewall of China“ erbte Namen und Technologie von Netzwerk-Firewalls, die entwickelt wurden, um Firmen vor Angriffen aus dem Internet zu schützen. Während physische Feuerschutzwände ein Gebäude vor sich ausbreitendem Feuer schützen, schirmen Netzwerk-Firewalls die kontrollierte Unternehmenswelt vor dem wesentlich chaotischeren Internet ab. Die chinesische Mauer hingegen sollte das Land vor äußeren Eindringlingen schützen. Daher ist die Analogie im Namen der Great Firewall zwar klar, allerdings auch irreführend, denn Internetzensur unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von physischen Mauern.

War da was?

Erstens ist Internetzensur weniger sichtbar und wird von den meisten Menschen vermutlich nicht einmal wahrgenommen. Oft wird sie nur während einer kurzen Zeitspanne eingesetzt (z.B. kurz vor Wahlen) oder betrifft nur einen kleinen Anteil von Webseiten (so sperrt Großbritannien den Zugang zu einigen Hundert Bildern von Kindesmissbrauch). Wenn eine Seite gesperrt ist, tarnen dies manche Länder jedoch eher als Netzwerkfehler, anstatt Zensur zuzugeben.

Zweitens ist Internetzensur nicht ganz so strikt wie Grenzübergänge, wo alles verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Die Ausnahme ist Nordkorea und kurzzeitig Ägypten auf dem Höhepunkt der Revolution 2011. Die überwiegende Mehrheit der Internetnutzer ist davon nicht betroffen, sodass viele Menschen das Internet weiterhin so nutzen können, als sei ihr Zugang uneingeschränkt.

Drittens können die Mechanismen, mit denen Seiten gesperrt werden, leicht umgangen werden. Das macht das Sperren aber nicht sinnlos, weil viele Menschen gerne vor den gesperrten Inhalten geschützt werden wollen. Bei einer unzureichend gesperrten Seite ermöglicht die leichte Umgehung den Menschen zudem noch ein anderes Ventil neben dem öffentlichen Protest.

Letztlich bedeutet Zensur auch nicht immer die Sperrung von Seiten; manchmal ist es auch einfach nur schwer, sie zu finden. Dies wird durch Druck auf Suchmaschinenanbieter erreicht, bestimmte Suchergebnisse nicht anzuzeigen. Wenn man den Weg abriegelt, über den die meisten Menschen auf eine Seite finden, können die Ziele der Zensur erreicht werden, ohne dass es jemand mitbekommt. Auf gleiche Weise werden die Onlinearchive von Zeitungen regelmäßig mitsamt allen Beweisen für ihre Existenz entfernt, sollten sie auf Basis von Großbritanniens notorisch strengem Verleumdungsgesetz angeklagt werden.

Zensur ist eher Regel denn Ausnahme

Zusammengenommen erlauben diese Faktoren, dass Internetsperren attraktiver sind als physische Mauern es jemals sein könnten. Daher ist Internetzensur eher zur Regel als zur Ausnahme geworden. In den meisten Staaten gibt es inzwischen eine Form von Beschränkung oder zumindest Pläne dafür. Oft in einem relativ streng abgesteckten Rahmen eingeführt, setzen sich Interessengruppen dafür ein, dass diese Maßnahmen ausgeweitet werden. Das britische Telekommunikationsunternehmen BT hat freiwillig Bilder von Kindesmissbrauch gesperrt, aber wurde später per Gericht dazu gezwungen, Seiten zu sperren, die das Urheberrecht verletzen. Angeblich verleumderisches Material könnte als Nächstes dran sein.

Parallel zur Zensur nimmt auch die Überwachung des Internets zu und umgeht damit eventuelle Einschränkungen der Zensur. Die Versuchung ein Geländer zu überspringen ist geringer wenn man weiß dass vielleicht ein (versteckter) Polizist dabei zusieht. Neue technische Entwicklungen erlauben eine automatische Inspektion von Übertragungsdaten und Gesetze fordern noch tiefer greifende Überwachungsmöglichkeiten im Netz.

Unangemessene Analogien können schädlich sein und Zensur als eine Art Mauer zu betrachten, kann irreführend sein. Wachsamkeit ist wichtig, damit Menschen die Zensur kontrollieren und nicht umgekehrt. Wie dem auch sei, Internetzensur geschieht versteckt und selbst wenn sie aufgedeckt wird, kann der Grund für sie unklar sein. Daher brauchen wir Transparenz und Verantwortlichkeit. Wenn Zensur stattfindet, sollten wir wissen warum und wer sie angeordnet hat, damit Missbräuche aufgedeckt und bekämpft werden.

Original translation by Alexandra Schade; correction by Markus Kuhn.

Original English

The “Great Firewall of China” inherited its name (and technology) from network firewall products, designed to protect a company from attackers on the Internet. Physical firewalls are designed to protect a building from the spread of fire, network firewalls are designed to protect the controlled corporate environment from the more the chaotic Internet, and the Great Wall of China was designed to protect from outside invaders. The analogy is clear, but can be misleading – Internet censorship is different in many ways to physical walls.

Firstly, Internet censorship is less visible, and might not be recognized by much of the population, due to it only being in place for a short time (e.g. in the run-up to an election) or only restricting access to a small number of sites (the UK blocks access to a few hundred child sexual abuse images).When a site is blocked, some countries disguise this as a network error rather than admitting censorship.

Secondly, Internet censorship is more permissive than border checkpoints, where anything not explicitly permitted is forbidden (with the exception of North Korea and briefly in Egypt at the peak of the 2011 revolution). The vast majority of usage is unaffected, allowing many people to continue life as if their access was unimpeded.

Thirdly, the mechanisms by which sites are blocked can be easily circumvented. However, this does not necessarily defeat the point of blocking, as many may wish to be protected from the content being banned. When a site is incorrectly blocked, the ease of circumvention allows people an outlet other than public protests.

Finally, sometimes censorship doesn't involve blocking access to sites at all, merely making them hard to find. This hall-of-mirrors effect is achieved by pressuring search engine companies into suppressing certain results. By closing off the path by which most people find out of the existence of a site, the goals of censorship can be achieved without anyone noticing. Similarly, articles in online newspaper archives regularly are removed, along with any evidence that they ever existed, when they are challenged under the UK's notoriously strict libel laws.

Together, these factors allow Internet blocking to be more palatable than physical walls could ever be. Internet censorship has therefore become the rule rather than the exception, with most countries having some form of restriction in place or under consideration. Often introduced with a narrow scope, interest-groups push for a scheme's extension. BT voluntarily blocked images of child sexual abuse, but were later compelled by court order to block sites used for copyright infringement. Allegedly libellous material can't be far behind.

In parallel with censorship, surveillance of the Internet is also increasing, making up for the limitations of blocking. The temptation to cross a guard rail is lessened when you know an undercover policeman may be watching. New technical developments allow automated inspection of Internet traffic, and laws mandate that surveillance capabilities be built into the network.

Inappropriate analogies can be harmful, and thinking of censorship as a wall can be misleading. Vigilance is essential to ensure the people control the censorship, not vice versa. However, Internet censorship is hidden, and even when it is detected the reason can be unclear. We need transparency and accountability; if censorship happens we should know why and who requested it, allowing abuses to be revealed and challenged.


Last modified 2014-04-07 20:26:28 +0100


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